Itchy Poopzkid im Interview

Itchy Poopzkid sind vermutlich eine der umtriebigsten deutschen Rockbands der letzten Jahre. Das erste Mal habe ich sie im Crash in Freiburg gesehen, damals als Tour-Support von Dog Eat Dog. Zu dieser Zeit hatten sie lediglich ihr Debüt-Album „Heart To Believe“ veröffentlicht. Genau 10 Jahre später hatte ich die Möglichkeit meine Fragen an Sibbi und Panzer zu stellen. Und es gab einige, denn ich habe die Band seit jeher nicht mehr aus den Augen verloren.

Der zweite Part der SIX-Tour startet heute in Freiburg. Wie lief der erste Teil?
Sibbi: Der lief gut, der lief wirklich toll. Wir waren quasi sechs Wochen in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs. Einfach grandios. Die Stimmung auf unseren Shows ist einfach jedes Mal umhauend für uns, weil von Anfang bis zum Ende alle durchdrehen, was wir natürlich gut finden, weil wir dann mit durchdrehen…

Panzer: Die klatschen freiwillig. Man muss nicht „Applaus“ sagen, sondern die machen das von allein, das ist echt gut…

Sibbi: Genau, wir hatten ja schon eine kleine Tour zum Album-Release und dann eben die große im Herbst. Jetzt nochmal die Städte, die wir vergessen haben. Und heute erster Tag, ich bin etwas nervös muss ich sagen!

Ihr wart nun schon ab und zu in Freiburg, ich selbst habe euch nun schon drei oder vier Mal gesehen. Gibt’s denn irgendwelche Anekdoten oder Highlights zu erzählen? Das ist für uns natürlich immer sehr spannend zu wissen.
Sibbi (Überlegt): Ja wir haben einmal einen Tourabschluss hier gehabt, mit einer Vorband die Benzin hießen. Wir machen das dann bei der letzten Tourshow immer so, dass wir der Vorband einen Streich spielen. Ich will gar nicht alles verraten, denn wir wollen das vielleicht ja nochmal mit jemandem machen. Wenn die das hier lesen, wäre es ja schlimm, aber unter Anderem haben wir Theatertinte auf die Mikrofonkörbe geschmiert. Dann hatten sie irgendwann alle komplette Vollbärte…

Panzer: Es fing aber mit so einem leichten Hitlerbart an, nachdem sie einmal kurz gegen das Mikro getippt sind…

Sibbi (lacht): Das Lustige war: Wir hatten das bei allen Mikros, und es singen ja auch alle. Die haben sich dabei natürlich nicht selbst gesehen und so dachte jeder, dass der andere Opfer eines Scherzes wurde. Sie haben sich Schrott gelacht, dabei sahen alle genau gleich aus. Und ich im Bühnengraben, und musste so heftig lachen, dass ich mir ein bisschen in die Hose gepinkelt habe! Wirklich, das ist kein Spaß!

Und noch eine Anekdote: Da waren wir auch hier in der Stadt und schon ein bisschen im Nightliner mit großer Crew unterwegs. Man wird dann als Band schnell faul. Man weiß einfach, dass alles von den anderen erledigt wird. Deswegen schaltet man sein Hirn aus, schlappt morgens aus dem Bus und fragt die Leute, die schon arbeiten „Hey, wo ist denn die Toilette?“, oder „Hey wo geht es denn zum Catering?“. Das hat die mit der Zeit so aufgeregt, dass sie eine Intervention gestartet haben, wir uns hinsetzen mussten und gesagt wurde: „Ok Jungs, vielleicht schaltet ihr euer Hirn mal wieder ein und arbeitet ein bisschen mit!“ (Überlegt) Das waren die beiden Anekdoten zu Freiburg. Ach ja, und dass es natürlich tolle Konzerte waren. Die Campus-Invasion gab’s hier mal, das weiß ich noch, die war sehr sehr cool.

Wann wart ihr denn das erste Mal in Freiburg?
Das erste Mal war im Walfisch, mit Zebrahead zusammen. Ach nein warte, zuvor waren wir mit Dog Eat Dog im Crash. Aber danach dann im Walfisch und das war, wie gesagt, sehr lustig. Da war die Bühne so groß wie eine Bierbank. Wir haben dort, wie schon erwähnt, mit unseren Jugendhelden vor ungefähr 60 Leuten gespielt. Der Besitzer hat uns damals mit den Worten „Hier finden euch ja alle scheiße!“ begrüßt (lacht).

Den Besitzer kennt hier wohl jeder. Zurürck zur neuen Platte: Bei SIX kann man ja schon davon sprechen, dass sie so erfolgreich wie bisher keine andere war…
Sibbi: Auf der Welt.

Genau, auf der ganzen Welt. Spaß beiseite. SIX landete in den deutschen Album-Charts auf Platz 5. Was würdet ihr sagen, was hat sich zum Vorgänger musikalisch verändert? Ich persönlich hab’ das Gefühl, dass die Songs wieder „punkiger“ geworden sind.
Sibbi: Das stimmt. Wir haben versucht eine Linie für das ganze Album zu finden, sodass alle Songs das gleiche Sound-Gewand haben und es sehr stimmig ist, wenn man es von Anfang bis Ende durchhört. Das ist für uns immer ein Gradmesser für ein tolles Album, wenn man die Songs ohne skippen durchhören kann. Deshalb ist es jetzt vielleicht auch ein bisschen „mehr auf den Punkt“ und wir haben mit Flo Nowak in Berlin zum ersten Mal einen neuen Produzenten ausprobiert. Das hat uns, glaube ich, auch sehr gut getan, weil dadurch einfach frischer Wind reinkam und wir auch aus unserer Umgebung rausgerissen wurden ins weit-entfernte, riesige Berlin. Wir als Schwaben fühlen uns dort ja total verloren, bzw. kaufen Häuser auf und verkaufen sie dann wieder teurer. Viel Neues ist passiert, und das hört man dem Album schon an.

Panzer: Ja…(lacht) Man kann vielleicht noch sagen, dass wir uns echt auf die Basics konzentriert haben. Wenn man früher gedacht hat „ok, da muss vielleicht noch ein Klavier hin“ hat man das auch mal eingespielt. Dieses Mal ist es wirklich Gitarre, Schlagzeug, Bass, ein bisschen drüber gejodelt und fertig. Wir wollten das dieses Mal auch so „roh“ halten.

Klingt gut, ich finde das hört man auch! Neben der Musik habt ihr ja mittlerweile auch ein Buch veröffentlicht. „How To Survive As A Rockband“ ist der Titel. Will einer kurz den Unwissenden erklären, um was es geht?
Panzer: Der Untertitel heisst: Der Ultimative Ratgeber einer Trendresistenten Non-Hit-Wonder Band und ist tatsächlich ein Ratgeber, aber auch ein Rückblick auf unsere 15-jährige Karriere, die von ein paar Erfolgen, aber auch von sehr vielen Katastrophen geprägt war. Wir versuchen halt einfach ein paar Tipps zu geben, was man als Band machen sollte und was auf keinen Fall. Wir haben beim Schreiben auch viel verarbeitet. (lacht)

Es ist ja im Buch teilweise so: Ihr sagt wie man es machen soll und berichtet davon, wie ihr es eben nicht so gemacht habt.
Sibbi: Das stimmt. Wie wir es versucht haben zu machen und es dann nach hinten losging. (lacht) Wir haben auch festgestellt, dass wir dieses Jahr eben seit 15 Jahren unterwegs sind und Musik machen dürfen, hauptberuflich sogar. Deshalb haben wir auch nicht alles falsch gemacht, haben aber so ziemlich jeden Fettnapf mitgenommen. Das muss man den jungen Bands ja mit auf den Weg geben, was man auslassen kann.

 

»Das war der Motor. Wenn zu Hause nichts ging, mussten wir halt selbst irgendwo hinfahren, wo was los war. «

 

Das Buch beginnt ja auch mit dem Band-Start. Wie war das damals in Eislingen an der Fils? Ich vermute jetzt mal nicht, dass es dort eine krasse Punkrock-Szene gab?
Sibbi: Nein. Wobei, ein paar Jahre zuvor gab es die sogar. Es gab ja relativ erfolgreiche Punkrock-Bands wie Not Available und Sea Sick Pirates, die uns auch so ein bisschen zur Musik gebracht haben. Als wir dann angefangen haben, gab es, eigentlich bis heute, recht wenig, was Rock-Musik generell angeht. Dafür muss man schon nach Stuttgart oder Ulm fahren. Deswegen haben wir auch recht schnell das Weite gesucht und sind früher für Konzerte mit dem Wochenend-Ticket und der Bassdrum auf dem Rücken weggefahren. Wirklich, das war echt so. Wir wollten einfach raus, und wollten so oft spielen wie es ging. Daher war Eislingen jetzt nicht das Pflaster, das man sich so wünscht als Band.

Panzer: Vielleicht war auch das gerade gut. Dadurch waren wir früh gezwungen, wo anders zu spielen und sind auch irgendwo rausgekommen. Wir haben dann auch relativ früh in Hamburg gespielt, was schon krass für uns war. Das war auch der Motor. Wenn zu Hause nichts ging, mussten wir halt selbst irgendwo hinfahren, wo was los war.

Sibbi, du sagtest gerade, dass euch die Sea Sick Pirates zur Musik gebracht haben. Wann kam genau die Idee zustande, dass ihr selbst eine Band gründen wollt? Oder kam das aus diesem „Wir müssen hier weg“- Gedanke?
Sibbi: Der Ursprung ist in der Schule entstanden. Wir sind alle zur selben Schule gegangen. Dort gab es das Sommerfest, wofür noch ein Programmpunkt gesucht wurde. Da dachten wir, bevor jetzt nur Cheerleader vorgetragene Gedichte vom Englisch-Leistungskurs kommen, machen wir doch eine Band. Dann haben wir noch eine Kumpel dazugeholt, und ein paar Cover gespielt. Dabei ist uns aufgefallen, dass das wirklich viel Spaß macht und haben dann einige Schulfeste durchgespielt. Es ist uns aber recht schnell bewusst geworden, dass wir eigene Songs schreiben wollen.

Panzer: Man muss auch sagen, dass wir auf diesen Schulfesten nicht überdimensional gut ankamen. Da wurde schon auch mal der Strom ausgedreht…

Sibbi: Ja, Hausverbot für uns und unsere Fans. Das gab es damals alles. Nach ein paar Monaten haben wir dann wirklich angefangen, Songs zu schreiben, weil wir gemerkt haben, dass es das Allerbeste ist, Konzerte zu spielen. Und das ist es bis heute.

Und wie seid ihr dann damals an die ersten Shows gekommen? Also habt ihr einfach Leute…
Sibbi: Genervt. Ja, das haben wir wirklich. Wir haben Jugendhäuser und kleine Festivals angeschrieben. Wir haben teilweise in Wohnzimmern oder bei der Verabschiedung vom Dorfpfarrer gespielt. Das war uns echt scheißegal was es war, hauptsache wir konnten spielen. Wenn man dann halt wirklich penetrant ist und den Leuten zu verstehen gibt, dass man unbedingt auftreten möchte, kommt auch mal hier und da eine Show zustande. Dadurch haben wir relativ schnell Jahre erlebt, wo wir 60, 80, 100 Shows gespielt haben, obwohl wir noch keinen Plattenvertrag hatten. Das war schon beachtlich.

 

»Live spielen ist für eine Rockband die Visitenkarte.«

 

In guter DIY-Manier. Würdet ihr das auch aufstrebenden Bands raten, Veranstalter zu nerven? Oder was würdet ihr Bands raten, die mehr spielen wollen?
Panzer: Man kann natürlich auch übernerven, das kann dann nach Hinten losgehen. Im Grunde ist es so: Auf dich hat keiner gewartet, weil es ja schon tausende Bands gibt. Deshalb musst du natürlich irgendwie auf dich aufmerksam machen. Daher macht’s auf jeden Fall Sinn, wenn du an das Jugendhaus eine CD schickst, und fragst ob du damit spielen darfst. Wenn die sich dann nicht melden, darfst du die schon nochmal anschreiben oder hinterher telefonieren und nachfragen.

Sibbi: Generell ist live spielen einfach das Allerwichtigste. Da kann man die Leute abholen. Natürlich gibt’s im Internet auch die Möglichkeit entdeckt zu werden, oder dass es sich rumspricht. Aber live spielen ist für eine Rockband die Visitenkarte, die sie abgibt.

Panzer: Und die ehrlichste und schönste Weise, Leute für sich zu gewinnen. Da wissen sie, was sie bekommen und wie du wirklich bist. Entweder du überzeugst, oder halt nicht.

Back To The Future! Nach der Tour habt ihr die „längste Tour-Pause eurer Bandgeschichte“ angekündigt. Was wird in der Zeit danach passieren? Gehts da schon wieder ins Songwriting?
Sibbi: Urlaub!!!

Panzer: Vielleicht alles so ein bisschen.

Sibbi: Wir werden uns sicherlich Zeit nehmen, um ein paar Sachen zu unternehmen und natürlich auch wieder damit starten, das nächste Album zu schreiben. Aber wir sind jetzt einfach viel mit der Platte getourt, haben am Ende sicherlich 100 Shows in dem Zyklus gespielt. Dann ist es für uns und für die Leute da draußen auch mal cool, wenn sie ein bisschen Pause von uns haben.

Panzer: Und sie uns nicht sehen müssen…

Sibbi: Genau. Wir werden jetzt keine zehn Jahre in Deckung gehen, aber einfach mal ein bisschen durchschnaufen, und uns dann wieder auf die kommenden, neuen Sachen vorbereiten. Irgendwann dann einfach ein fettes Album raushauen, das alle umbläst.

Panzer: Da wusste ich jetzt noch nix von, aber das scheint wohl der Plan zu sein!

Also in Freiburg könnte man schon nochmal ein Konzert vertragen, so ist es ja nicht!
Sibbi: Ja, das stimmt.

Heute gibts für mich noch eine Premiere in Form einer Fan-Frage! Miguel Perera fragt: Können sich die Jungs vorstellen mal einen Song auf deutsch zu machen? Vielleicht mit ihren Kumpels von Madsen oder den Donots zusammen?
Sibbi: Ich war erst letzte Woche beim Madsen-Konzert, da haben wir auch gesprochen. Zwar nicht über das Thema, aber über andere Dinge. Also, so ein Feature können wir uns auf jeden Fall einmal vorstellen. Das wir selbst ein deutsch-sprachiges Album aufnehmen, ist jetzt nicht in Planung, aber das haben die Donots vor zehn Jahren wahrscheinlich auch noch nicht geplant. Wir nehmen es einfach so wie es kommt, haben es bis jetzt aber nicht vor, weil wir auf Englisch auch genug Sachen sagen können. Also: Nein! (lacht)

Zu guter Letzt noch zwei abschließende Fragen: Welche Platte darf denn zur Zeit nicht in eurer Sammlung fehlen?
Sibbi: Ich muss überlegen…

Panzer: Ich auch…

Sibbi: Ach ja, ich finde die neue Platte von Panic! At The Disco… saugeil! Die höre ich gerade sehr viel. Und von Twenty One Pilots bin ich auch Fan!

Panzer: Ich weiss gar nicht, wie man die ausspricht: Fidlar. Kennst du die? Die Platte finde ich super. Die hab’ ich mir gekauft, Amis sind das, glaube ich. Echt eine super Platte. Ich weiss auch gar nicht wie das Album heisst. Es ist das Neueste, sehr bunt und der Bandname ist auf dem Plattencover „ausgestencilled“. Kann man also rausnehmen und als Sprühschablone benutzen.

Sibbi: Das machen wir auch mal!

Panzer: Das ist wirklich gut, das klauen wir denen! Schreib das, nicht!

Last but not least: Beschreibt Freiburg in nur einem Wort.
Sibbi: Moment, jetzt muss ich überlegen: Fahrrad!

Oh, sehr treffend.
Panzer: Ich hätte was mit „grün“ gesagt.

Sibbi: Vielleicht auch Altstadt. Ich bin ja gerade ein bisschen spazieren gegangen, da würde der Begriff auch Sinn machen. Such dir eins aus!

Ok, cool. That’s it! Vielen Dank für das Interview.
Die Review zur Show gibts HIER. Vielen Dank an KOKO Entertainment und Itchy Poopzkid, die mir dieses Interview ermöglicht haben.

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